Bernhard Kempen

Erotisches Kabarett

In jungen Jahren habe ich mich selbst immer als Schriftsteller gesehen, als jemanden, der im stillen Kämmerlein werkelt. Für mich war es immer eine Tortur, an Schule oder Uni Referate zu halten. Damals war ich sehr schüchtern und habe es tunlichst vermieden, im Vordergrund zu stehen. Doch irgendwann kam ich auf die Idee, ein Unireferat nicht im üblichen akademischen Stil zu verfassen, sondern es so zu schreiben, dass es sich gut vortragen lässt. Später bot mir die Science-Fiction-Szene ein wunderbares Forum, um mit Vorträgen und Lesungen zu experimentieren, die zum Teil von Musik- oder Bildmaterial begleitet wurden. Mir wurde klar, wie bereichernd es für mich ist, gelegentlich vor Live-Publikum aufzutreten. Wenn man die meiste Zeit am Schreibtisch hockt, ist es wichtig, nicht den Bezug zur Realität und zur tatsächlich gesprochenen Sprache zu verlieren.

Der große Durchbruch kam, als ich die Gelegenheit erhielt, auf der Berliner Erotiklesebühne »Erotisches zur Nacht« und dann im legendären DarkSide-Club aufzutreten. Schnell gewann ich Sicherheit auf der Bühne und baute sogar immer mehr Performance-Elemente ein. Ein Sketch mit zwei Sprechrollen, die ich mit unterschiedlichen Stimmen und Körperhaltungen spiele. Eine erotische Geschichte, die ich in ungewöhnlichem Outfit oder wenig bekleidet vortrage. Bis mir jemand erklärte, was ich da mache, sei keine Lesung, sondern Kabarett oder eine Comedy-Show. Ein Highlight waren die »Berliner Ficktionen« im Max und Moritz, ein Programm, in dem ich als Conferencier (angelehnt an Joel Greys Rolle im Film Cabaret) 4-5 Autoren und Performer präsentierte. Hat uns allen sehr viel Spaß gemacht – dummerweise kam immer weniger Publikum, worauf ich die Sache nach drei Vorstellungen im Winter 2006/2007 abgeblasen habe.

Nach einer kreativen Pause habe ich es 2008 im Insomnia mit einem neuen Soloprogramm unter dem Titel »Erogene Ficktionen« probiert. Danach folgte eine Neuauflage des Programms »Des Mannes bester Freund«, in dem ich mit ungewohnter Offenheit über das »beste Stück« des Mannes spreche.

Im Dezember 2007 schlüpfte ich dann erstmals in die Rolle von »Barbara«, einer weiblichen Variante meiner Persönlichkeit, durch die ich sehr viel über mich im Besonderen und über Geschlechterrollen im Allgemeinen gelernt habe. Und mir wurde sehr bald bewusst, dass diese Ausflüge nicht nur Privatvergnügen sind, sondern den Charakter einer interaktiven Live-Performance haben. Zwei Jahre später stand ich dann mit meiner neuen »Partnerin« im November 2009 erstmals im Kabarettprogramm »Ich bin dann mal Barbara« auf der Bühne.

Es folgten weitere Shows im DarkSide-Club, im Insomnia und in der Bar Voyage und gelegentliche Auftritte außerhalb von Berlin. Seit 2013 trete ich außerdem mit Gitarre auf und trage Songs vor, die ich textlich »versaut« habe, auch in einem kompletten Weihnachtsprogramm unter dem Titel »O du frivolige«. 2015 wurde der Kurz-Dokumentarfilm »Ich bin dann mal Barbara« von Antoine Guerrereo Do Divino Amor uraufgeführt, 2017 folgte mein selbst produzierter Kurz-Spielfilm »Cross Over«, der ebenfalls das Thema Transidentität behandelt.

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Foto: Eva Brunner