Bernhard Kempen

Zürcher Bescherung

 

Ein Weihnachtshörspiel für fünf Stimmen

Übersetzung ins Schwyzerdütsche von Eva Brunner

 

Die Stimmen:

Erzähler: im Ton eines Märchenerzählers

Kari: älterer Polizist, energischer, pampiger Tonfall

Zwärg: junger Polizist, nölig bis altklug

Weihnachtsmann: tiefe, volle Stimme

Rudolph: Rentier, näselnde Stimme

 

Leise rieseln die Schneeflocken auf die Straßen von Zürich, auf denen es an diesem Abend ebenfalls ungewöhnlich leise ist. Nur unsere unermüdlichen Freunde und Helfer von der Polizei haben sich in die Kälte hinausgewagt, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, damit sich die braven Bürger Zürichs unbeschwert der beschaulichen Bescherung im Kreis ihrer Familie widmen können. Werfen wir doch mal einen Blick in einen jener Polizeiwagen, in denen es sich die Beamten bei Standheizung und einem Schluck Kaffee aus der Thermoskanne gemütlich gemacht haben.

 

Säg emol, wie lang hemmer no Dienscht, Kari?

Jetzt riss di mol zäme, du Zwärg! Sig doch froh, dass es höt e mol chli ruhig isch!

Isch jo ganz nätt, aber es isch mer trotzdem langwilig.

Wenn du erscht e mol so lang bi de Polizei bisch wie ich, denn wirsch du dich freue, wenn du mol amene Firtig chasch Dienscht ha.

Ich wär jetzt lieber dähai, wo’s warm isch. Da chönt ich mer jetzt so en richtig coole Heiligobig-Äktschnfilm aaluege.

Jetzt hör mol uf, immer z’jommere, so schlimm isch es nöd ... Hey, lueg es mol! So öppis ha i no nie gseh!

Was isch? Was hesch?

Gsesch ned da komisch Typ do äne? Gopferteckel, none mol! Chum! Dä nämmer e mol usenand!

O nei, Kari. Dusse isch es viel z’chalt!

Hey, was isch denn das für en Dienschtuffassig, hä! Chumm mit, Zwärg! Jetzt chunch dini Äktschn über!

 

Das Knallen zweier zugeschlagener Autotüren hallt durch die winterliche Nacht, feste Schritte knirschen im Neuschnee, dann haben die wackeren Wachtmeister den Verkehrssünder gestellt.

 

Gueten Obig! Verkehrskontrolle!

Ho ho ho! Ich wünsche euch ein frohes Weihnachtsfest!

Ja, das wünsch ich Ihne au. Aber Ihnen muss doch klar sein, dass Sie do im absoluten Halteverbot stehen?

Wie? Ich muss doch irgendwo die Geschenke ausladen! Ich bin der Weihnachtsmann!

Ja, klar, und ich bin der Kaiser von China. Ihre Fahruswis und die Fahrzeugpapiere, bitte!

Fahruswis?

Jo. De Fahruswis. Oder wie heisst das bi euch scho weder? Ja, der „Führerschein?“

Danach hat mich noch niemand gefragt! Das ist mein Schlitten!

Es ist mir egal, wie Sie das Fahrzeug nennen. Wenn Sie damit auf öffentlichen Strassen rumfahren, brauchen Sie gültige Papiere!

Äh ... Kari?

Jo, was isch schon wieder?

Du, Kari, das isch keis Auto, sondern es sogenannts Fuhrwärk oder es Gschpann. Für so öppis brucht mer kei Fahruswis.

Bisch sicher?

Klar, das hämmer chürzli uf de Polizeischuel düregno.

Aha ...

Jetzt lueg e mol gnau he. Das hed jo ned e mol Rädli.

Hesch rächt. Das sind... Schiene oder so öppis.

Kufe, Kari, Kufe!

Esch doch glich, wie das jetzt heißt. Aber isch es überhaupt für de Strasseverkehr zueglo?

Das weiss ich au ned so gnau. So lang Schnee liit, isch es sicher in Ordnig. Aber wenn d’ Kollege mit de Schneepflügi mit em Streue afönd ...

Ja gut, dann wollen wir mal ein Auge zudrücken. Trotzdem müssen Sie sich an das Verkehrsreglement halten. Sie können hier nicht einfach im Halteverbot stehen bleiben.

Äh ... Kari?

Was isch denn jetzt schon wieder?

Am Sundig und a Firtige isch do nur es igschränkts Halteverbot. Und wenn ich de Fahrer richtig verstande ha, will er do nume i-und uslade.

Wieso jetzt? Firtig isch doch erscht morn. Höt isch doch eher so öppis wie en ... Samschtig. Jo guet, den drückid mer halt no mol es Aug zue. Was haben Sie denn so alles auf Ihrem Schlitten? Nicht, dass Sie das zulässige Höchstgewicht überschreiten.

Geschenke sind keine Frage des Gewichts, sondern der Liebe, die damit zum Ausdruck gebracht wird. Niedliche Puppen für die Mädchen, fetzige Ballerspiele für die Jungs ...

Sie haben doch nicht etwa Waffen dabei? Oder womöglich indizierte Computer- oder Video-Spiele?

Natürlich nicht! Alles, was ich euch bringe, kommt mit christkindlichem Segen!

Na gut, dann wollen wir Ihnen mal glauben und nicht Ihr ganzes Zügs durchsueche.

Darf ich jetzt mit meiner Arbeit beginnen und den wartenden Kindern die Geschenke bringen?

Arbeit? Moment! So einfach ist das nicht. Haben Sie denn überhaupt einen Gewerbeschein?

Ho ho ho! Weihnachten ist das Fest der Liebe! Der Lohn für meine Mühen ist das Leuchten in den Augen der Kinder - und 364 Tage im Jahr, an denen ich mich in meiner kleinen Hütte am Nordpol ausruhen kann.

Sie müssen mir jetzt keine Märli erzählen! Ich bin seit 35 Jahren im Polizeidienst, und so einer wie Sie ist mir noch nie unter d’Auge cho!

Äh ... Kari?

Jo?!

Also, wenn das wirkli de Wiehnachtsma isch, denn chönnti das so stimme, was er seid.

Händ ihr das au uf de Polizeischuel glärnt? Zu minere Zit hent’s det no ke Märli verzehlt!

„Märli?“ Ho ho ho. Es stimmt mich traurig, wenn ich höre, wie wenige Menschen noch an mich glauben. Gerade hier in schweizerischen Landen verkommt Weihnachten immer mehr zu einem Fest des Konsumrausches und der Völlerei ...

Moment! Das hätt ich ja fast vergessen! Haben Sie vorhin nicht gesagt, dass Ihr Wohnsitz am Nordpol ist?

Vo dem hanni scho mol ghört, Kari. Das stimmt.

Ach, dann sind Sie gar kein richtiger Deutscher. Als Ausländer brauchen Sie eine Arbeitserlaubnis.

Kari, ich glaub ned, dass de Wiehnachtsma vom Gsetz her gseh en Verdiener isch.

Jo guet, das chömmer nochhär no kläre.

Aber als Ausländer müssen Sie eine Aufenthaltserlaubnis dabei haben. Und wenn Sie Ihr Züg hier eingeführt haben, würd ich gern mal Ihre Zollpapiere sehen.

Kari!

Was isch jetzt scho weder? Willsch mer öppe verzelle, dass de Nordpol zu de EU  ghört? Würd mich au ned erstune, die nämid doch jedes Gschmeus uf! Wie guet, dass mer ned so richtig dezue ghöred!

Nüd für unguet, aber ich find, du bisch es bizäli a Tüpflischisser, Kari.

Jetzt wirsch au no fräch, Zwärg!  Chunsch jo gar ned druus! Ich be  Polizischt! Ich lo mer doch vo so emene Wiehnachtsma ned en Bäre ufbinde! Do chönnt jo jede cho!

Hören Sie mal, Herr Weihnachtsmann ... sagen Sie doch einfach, dass Sie mehr so von der grönländischen Seite vom Nordpol kommen.

Ja, Grönland ist gar nicht weit von meiner Hütte entfernt. Da gehe ich im Sommer gerne mal spazieren.

Gsesch, Kari, denn fallt er scho mol unters Schengener Abkomme. Grönland gehört zu Dänemark, und dass isch ganz klar in der EU.

Ah ... Jo guet, jetz verston i wenigstens, warum dä Waage Kufe hät. Wegem ständige Schnee und so ... Wie viel PS hätt denn de Wage überhaupt?

PS isch guet. RS würd ich säge.

RS? Dä isch doch ned i de Rekruteschuel gseh.

Nein, sicher ned!

Ach, du meinsch wäge de Rindviecher! Ich ha scho gmerkt, dass das keine „Pferde“ sind. Sind das ned Elche oder so öppis?

Ich muss doch sehr bitten, meine Herren!

Was isch denn das!?

Ich bin ein Rentier, meine Herren. Und mein Name ist Rudolph!

Läck du mir! Das Rindvieh cha rede!

Ein Rentier, ein Rentier! Das leitende Rentier des christkindlichen Gespanns, um genau zu sein.

Jesses! Jetzt lueg e mol, die Schnauze von dem Viech!

Oh ja, meine Herren! Auf meine leuchtende rote Nase bin ich besonders stolz!

Äh ... ist das vielleicht so was wie ein Fahrtrichtungsanzeiger?

Aber ja doch! Schauen Sie, ich kann nach links ... und nach rechts blinken ... und nach oben ... und nach unten ...

Lueg es mol, Kari. Do demit hättet mer schon den ordnigsgmässi Zuestand vo der Blinkalag festgstellt.

Gopfrid Stutz!

Ho ho ho, ich habe meinen Terminplan schon erheblich überschritten. Wenn ihr mich noch weiter aufhaltet, muss ich euch leider eine Rüge erteilen.

Was wollen Sie denn damit sagen? Von Ihnen lass ich mir doch nicht drohen! Wenn hier jemand Verwarnungen erteilt, dann ...

Kari, pass uff! Das isch ke Witz, wenn de Wiehnachtsma bös uf dich isch! Chumm, mer gönd lieber weder is Auto. Mer wird’s do sowieso z’chalt.

 

Wieder knirschen Schritte im Schnee, und zwei Autotüren werden zugeschlagen. Gebannt beobachten unsere pflichtbewussten Beamten, wie sich der Besitzer des Gespanns bereitmacht, die nächste Bescherungshaltestelle anzusteuern.

 

Jesses, das geht’s doch ned! Dä Schlitte fahrt jo gar ned, er flügt!

Stimmt, das hanni scho emol imene Film gseh!

Das isch jo wohl s’Maximum! Da Plagöri hed üs die ganzi Ziit verseckelt! Das isch jo überhaupt keis Auto!

Jetzt beruhig di mol wieder, Kari! Am Heilig Obig chammer scho mol es Aug zuemache.

Nei, das got zwiit! Do chammer ned lugg lo, scho gar ned bi somene dütsche Wiehnachtsma! - Hallo, Zentrale! Ich bruch ganz schnell ä Verbindig zum Flughafe Klote! - Jo, im Luftrum über Züri gwagglet so en Typ miteme Bart imene unbekannte fliegende Objekt ume. Er hed so öppis wie en Bademantel a und e Schlafmütze uf. Isch i so nere Kutsche unterwägs, mit emene rotnasige Vieh vorne dra. - Hey, das isch ned zum Lache! Und blau bin au ned! - Und was heisst do Wiehnachtsmärli?

Hey, Kari, hör doch uf! Lueg lieber mol noch hinde!

Was isch denn jetzt schon wieder?

Jo, do im Auto!

Jesses! Das isch doch s’Letschti! Jetzt het dä Typ eifach sis Züg bi üs abglade!

Du, do isch en Zättel dra. Do stoht: „Zur Strafe für die Behinderung bei meinen Aufgaben beauftrage ich euch mit der Auslieferung der Geschenke an alle Bewohner dieser Straße. Ho ho ho! Der Weihnachtsmann. PS: Arbeitskleidung liegt bei.“

Was söll denn das heisse?

Jesses, bisch wirkli so schwär vo Begriff, Kari? Chum, ich erklär der e mol, wie das mit Wiehnachte esch...

 

Und so kam es, dass an diesem Heiligabend doch noch alle Zürcher pünktlich die Bescherung erleben konnten. Und ein ganz bestimmter Polizeibeamter erinnerte sich nach 35 Jahren Dienst beim Anblick entzückt jubelnder Kinder plötzlich wieder an seine eigene Kindheit, sodass er sich in den Jahren darauf regelmäßig über die Feiertage frei nahm, um den Weihnachtsmann als ehrenamtlicher Freund und Helfer bei seiner Arbeit zu entlasten.