Bernhard Kempen

Ostfreesk Bescheerung

Een Wienachtshörspeel för fiev Stimmen

 

Übersetzung ins ostfriesische Plattdeutsch von Doris Conens-Kroll

 

Die Stimmen:

Erzähler: im Ton eines Märchenerzählers

Kalle: älterer Polizist, energischer, pampiger Tonfall

Kleener: junger Polizist, nölig bis altklug

Weihnachtsmann: tiefe, volle Stimme

Rudolph: Rentier, näselnde Stimme

 

Leise rieseln die Schneeflocken auf die Straßen von Leer, auf denen es an diesem Abend ebenfalls ungewöhnlich leise ist. Nur unsere unermüdlichen Freunde und Helfer haben sich in die Kälte hinausgewagt, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, damit sich die braven Bürger von Leer unbeschwert der beschaulichen Bescherung im Kreis ihrer Familie widmen können. Werfen wir doch mal einen Blick in einen jener Streifenwagen, in den es sich die Beamten bei Standheizung und einem Schluck Tee aus der Thermoskanne gemütlich gemacht haben.

 

Du, Hein? Wo lang hebb wi denn no Dienst?

Nu riet di man mol ‘n beten tausommen. Wes doch bliet, dat dat vanomt so moi ruhig is.

Jou, moi, awer ok langwielig.

Ja, min Lütje, wenn du erst mol so lang bit Polizei büst as ik, denn rietst du di um Fierdagendienst.

Nee, löv’k ni. Lewer was ik int Hus und truk mi’n fein Äkschenfilm drachter. Dor is dat ok’n bült warmer.

Holl up to blaan. Du kanns ja woll ... Eh, kiek em! So wat hebb ik ja no nooit seen!

Wat hest du denn?

Süchst du nich de roar fent dor? Dat gifft ja gor nich. Kumm. De griep wi us!

Oh nööö, buten is dat völ tou kolt.

Nu segg mol, wat is dat denn vörn Dienstuffassung. Tou kolt! Nu man tou, nu krist du dien Äktschen.

 

Das Knallen zweier zugeschlagener Bullitüren hallt durch die winterliche Nacht, feste Schritte knirschen im Neuschnee, dann haben die wackeren Wachtmeister den Verkehrssünder gestellt.

 

Moin! Allgemeine Verkehrskontrolle!!!

Ho, ho, ho! Ich wünsche euch ein frohes Fest.

Ja, dat wünsch hör ok. Hör is doch kloor, dat se hier nich anhollen düren. Halteverbot!

Wie? Ich muß doch irgendwo die Geschenke ausladen. Ich bin der Weihnachtsmann.

Jou, all klor, und ick bün de Kaiser van China. Führerschien und Fohrtüchpapiern har ick geern.

Führerschein? Danach hat mich noch niemand gefragt! Das ist mein Schlitten!

Is mi egol, wo se dat Gefährt nennen. Wenn se hier up’t Hauptstraat dormit rumfohrn, denn mutten se ok gültige Papiern hebbn.

Du, Hein ...

Wat wullt du?

Du, Hein, dat is keen Fohrtüch, sondern ein Fuhrwerk oder Gespann. Dorvör brukt man kin Papiern.

Meenst dat?

Ja, häl wirs! Hebb wi net erst inne Polizeischaul hat.

Hh?

Kiek do mol em genau hen. De hett ja nich mol Rooden.

Stimmt, dat sünt Schinn oder sowat.

Kufen, Hein, Kufen.

Is do egol, wo dat heitt. Is sowat överhaupt fört Stratenverkehr tauloten?

Dat wei’k ok nich so genauu. Solang Schneeii liggt, seker woll. Man wenn de Kollegen vant Streijdienst komen, ja denn ...

Na gaut, dat laten wi nu mol so gewehrn. – Trotzdem mutt se sük an de Strotenverkehrsordnung hollen. Hier int Halteverbot könt se nich stohn blieven.

Äh ... Hein…..

Wat iss denn nu all weer?

An Sünn- un Fierdagen is hier blot ingeschränkt Halteverbot. Un wenn ik de Fohrtüchführer rech verstohn hebb, will he ja man bloss wat offloden.

Wieso? Fierdag is doch erst mörgen. Vandag is dat doch eerde asn ... Saterdag.

Also, in Sinn van de Stratenverkehrsordnung ...

Jou, is all gaut. Wi willt denn utnahmswies moln Ooch dichkniepen. – Wat hebbt se denn all so up dat Fohrtüch uploden? Nich dat se dat zulässige Gesamtgewicht nich inholden.

Geschenke sind keine Frage des Gewichts, sondern der Liebe, die damit zum Ausdruck gebracht wird. Niedliche Puppen für die Mädchen, fetzige Ballerspiele für die Jungen ...

Heit dat, se hem Waffen bi sük? Oder so schwartbraant Compjuter- und Videospöln?

Natürlich nicht! Alles, was ich euch bringe, kommt mit christkindlichem Segen.

Na, dat willt wi denn man löben. Wi verzichten denn dorup, dat ganze Wark dörtausöken.

Darf ich bitte mit meiner Arbeit beginnen und den wartenden Kindern die Geschenke bringen?

Arbeit? So eenfach is dat ja man all nich. Hemm se denn överhaupt ‘n Gewerbeschien?

Ho, ho, ho! Weihnachten ist das Fest der Liebe. Der Lohn für meine Mühen ist das Leuchten in den Augen der Kinder – und 364 Tage im Jahr, an denen ich mich in meineer kleinen Hütte am Nordpol ausruhen kann.

Nu vertellns man kin Märchen. Ik bün all 35 Johr Polizist, ower sowat as se, dat hebb ‘k no nich beleevt.

Äh… Hein?

Jo, wat denn?

Wenn dat wirklich de Wiehnachtsmann is, denn kunn dat woll Han un Faut hebben, wat he seggt.

Heej ji dat ok up Polzeischaul lehrt? Tau mien Tiet hebb wi dor kin Märchenstünn ofholln.

Ho, ho, ho. Es stimmt mich traurig, wenn ich höre, wie wenige Menschen noch an mich glauben. Gerade hier in deutschen Landen feiert man das Weihnachtsfest immer mehr mit Konsumrausch und Völlerei ...

Täuw mol! Dat hark ja all bolt vergeten. Hemt se nich seggt, dat hör Wohnsitz uppn Nordpol is?

Dat hebb ik ok all mol hört, Hein. Dor is wat an.

Also, wenn se Utländer sünt, denn bruken se ok ‘n Arbeitserlaubnis.

Hein, ik löv nich, dat de Wiehnachtsmann vant Gesetz her erwerbstätig is.

Stimmt, dat har wi ja all up Riech. Ower trotzdem, as Utlander bruken se wenigstens ‘n Aufenthaltsgenehmigung. Un wenn se hör Wark nich ut EU-Lännern inföhrt hemm, denn mut ik hör Zollbeschinigung noch seen.

Du, Hein!!

Wat denn noch? Wullt du mi villicht vertelln, dat de Nordpol ok all taut EU hören deit? Sull mi nich wunnern, intüschen nehm de ja elk up!

Ik meen, nu överdriffst du’d’n bietje.

Hör mol! Ik bün Polizeibeamter! Ik lot mi do nich van son Wiehnachtsmann vör dösig verkopen. Kunn jo jede komen!

Also hörnst mol, Herr ... äh ... Seggn’s doch eenfach, dat se van de grönländische Siet vant Nordpol komen.

Ja. Grönland ist nicht weit von meiner Hütte entfernt. Da gehe ich im Sommer gerne mal spazieren.

Süchst du, Hein, dormit is’t doch all klärt. Grönland hört tau Dänemark und Dänemark hört tau’t EU.

Ah … Na gaut, nu vestoh ik ja wenigstens, worüm dat Ding up disse ... Dinger fohrt. Weil dor immer Schneij liggt un so…. Wovöl PS hett son Gespann öwerhaupt?

PS is gaut. RS würd ik seggn.

RS? Ach du meenst, wegen de Rindviecher dor vörn. Dat sei ik ok, dat dat kien Peer bünd. Bünd dat nich Elche oder so wat?

Ich muß doch sehr bitten meine Herrn!

Wat was dat denn?

Ich bin ein Rentier, meine Herren. Und mein Name ist Rudolph!

Ik löv, mien Porch piept! Dat Deier kann proten!

Ein Rentier, ein Rentier. Das leitende Rentier des christkindlichen Gespanns, um genau zu sein.

Ik löv, ik wor nich mehr. Un nu kiek em de Schnut van dat Viech!

Oh ja, meine Herren. Auf meine leuchtende rote Nase bin ich besonders stolz.

Äh ... denn iss dat doch sowat as’n Fohrtrichtungsanzeiger, ne?

Aber ja doch! Schauen Sie, ich kann nach links … und nach recht blinken … und nach oben ... und nach unten.

Süchst, Hein, dormit har wi ja wenigstens de ordnungsgemäße Taustand van sien Blinkeree faststellt.

Ik löv, ik stoh in’t Wald.

Lat man gaut wesen. Ik go wer int Bulli, dor ist wenigstens moi warm.

 

Wieder knirschen Schritte im Schnee und zwei Bullitüren knallen, während in den Häusern der näheren Umgebung entzückterr Jubel aus kindlichen Kehlen ertönt. Unsere pflichtbewussten Beamten verfolgen das Geschehen, bis der Besitzer des Gespanns zurückkehrt und sich bereitmacht, die nächste Bescherungshaltestelle anzusteuern.

 

Kiek em! Ik löv, ik spinn all wer. Dat Ding fohrt ja gor nich, dat flücht!

Jou, stimmt, nu weit ik’t weer. Dat hebb ik all mol inn Film seihn.

Blickemme! Wat is dat denn förn Törfkopp? De hett mi ja woll blot Schkiet vertellt! Dat is ja gor kien Stratenfohrtüch.

Nu man sachte an. Is doch Heiligomd. Brukkst doch vanomt nich so pingelich wesen.

Ne, dat lot ik mi nich bäidn. Un all gor nich van son Wiehnachtsmann! – Hallo, Zentrale! – Jou, ik bruuk flink een Verbindung na’t Flugplatz Nüttermoor. – Jou, hier över Leie nait son Töffel mit’n unindentifizierboren Flugobjekt rum. De Fohrer – nee, de Kutscher – oder eintlich is hei ja Pilot – jedenfalls de Fend ist gefährlich. De het kien Zulassung dorbi und anners ok van nix Ohnung. – Ja klor, de hebbt wi do all kontrolleert. – Ey, wat gifft denn dor denn tou laachn? – Un wat häit hier Wiehnachtsmärchen? – Ik will jau dat no mol emt heel genau vertelln ...

 

Und so kam es, dass ein pflichtbewusster Polizeibeamter während der Weihnachtsfeiertage nach 35 Jahren Dienst in den vorzeitigen Ruhestand gehen durfte. Seitdem lebt er in einem idyllischen Haus am See und unterhält er die übrigen Insassen seines Heims mit seltsamen Geschichten, in denen fahrende und fliegende Fuhrwerke, rotnasige Rindviecher und ähnliche seltsame Dinge vorkommen.