Bernhard Kempen

Berliner Bescherung

Ein Weihnachtshörspiel für fünf Stimmen

 

Die Stimmen:

Erzähler: im Ton eines Märchenerzählers

Kalle: älterer Polizist, energischer, pampiger Tonfall

Kleener: junger Polizist, nölig bis altklug

Weihnachtsmann: tiefe, volle Stimme

Rudolph: Rentier, näselnde Stimme

 

Leise rieseln die Schneeflocken auf die Straßen von Berlin, auf denen es an diesem Abend ungewöhnlich still ist. Nur unsere unermüdlichen Freunde und Helfer von der Polizei haben sich in die Kälte hinausgewagt, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, damit sich die braven Bürger Berlins unbeschwert der beschaulichen Bescherung im Kreis ihrer Familie widmen können. Werfen wir doch mal einen Blick in einen jener Streifenwagen, in denen es sich die Beamten bei Standheizung und einem Schluck Kaffee aus der Thermoskanne gemütlich gemacht haben.

 

Sach ma, wie lange ham wa’n noch Dienst, Kalle?

Na, reiß dir ma zusammen, Kleener! Freu dir, dit wa heute mal ne ruhije Kugel schieben können!

Is ja janz nett, aba trotzdem is mir langweilich.

Na, Kleener, wenn de ersma so lange bei de Polizei bist wie icke, denn wirste dir ummen Feiertagsdienst reißen.

Ick wär jetz lieber zu Hause, wo dit schön warm is. Da könnt ick mir so’n richtig schönen Heilichaamt-Äktschnknaller reinziehen.

Nu hör uff, hier rumzunölen, du wirst dir schon nich ... Ey, kiek ma! So wat har ick ja noch nie jesehn!

Wat’n los mit dir?

Siehste nich den komischen Knilch da drüben? Ick gloob, ick spinne! Komm! Den kralln wa uns!

O nö, Kalle. Draußen iss viel zu kalt.

Ey, wat is’n det für’ne Dienstuffassung! Komm mit, Kleener! Jetzt kriegste deine Äktschn!

 

Das Knallen zweier zugeschlagener Bullitüren hallt durch die winterliche Nacht, feste Schritte knirschen im Neuschnee, dann haben die wackeren Wachtmeister den Verkehrssünder gestellt.

 

N’Aamt! Verkehrskontrolle!

Ho ho ho! Ich wünsche euch ein frohes Weihnachtsfest.

Ja, wünsch ick Ihnen ooch. Iss Ihnen klar, dit Se hier im absoluten Haltevabot stehn?

Wie? Ich muss doch irgendwo die Geschenke ausladen! Ich bin der Weihnachtsmann!

Ja, klar, und ick bin der Kaisa von China. Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere, bitte!

Führerschein? Danach hat mich noch niemand gefragt! Das ist mein Schlitten!

Det is mir ejal, wie Se dieset Gefährt nennen. Wenn Se damit uff öffentlichen Straßen rumjurken, brauchen Se jültige Papiere!

Äh ... Kalle?

Ja, wat jibt’s denn?

Du, Kalle, det iss keen Kraftfahrzeug, sondern’n Fuhrwerk oder ‘n Jespann. Dafür braucht ma keene Papiere.

Bist de dir sicha?

Klar, ham wa erst neulich inne Polizeischule durchjenommen.

Aha ...

Na, kiek doch ma jenau hin. Det Jefährt hat ja nich ma Räder.

Stimmt. Det sind ... Schienen oder so wat.

Kufen, Kalle, Kufen!

Is doch ejal, wie det heißt. Is so wat überhaupt für’n Straßenverkehr zujelassen?

Det weeß ick ooch nich so jenau. So lange Schnee liecht, ist det wohl in Ordnung. Aber wenn die Kollejen vonne Stadtreinjung mit’m Streuen anfangen ...

Na jut, det lassen wa ma auf sich beruhn. Trotzdem müssen Se sich anne Verkehrsordnung halten. Sie können hier nich einfach im Haltevabot stehen bleiben.

Äh ... Kalle?

Wat iss’n jetzt schon wieda?

An Sonn- und Feiertagn is hier nur einjeschränktet Haltevabot. Und wenn ick den Fahrzeugführer richtig verstanden habe, will der hier nur be- oder entladen.

Wieso? Feiertach is doch erst morjen. Heute ist doch eher so wat wie’n ... Sonnaamt. – Ejal, da können wa schon mal’n Ooge zudrücken. Wat ham Se denn so allet jeladen uff Ihrem Fuhrwerk? Nich, det Se det zulässje Höchstjewicht überschreiten.

Geschenke sind keine Frage des Gewichts, sondern der Liebe, die damit zum Ausdruck gebracht wird. Niedliche Puppen für die Mädchen, fetzige Ballerspiele für die Jungs ...

Heißt det, Se ham Waffen dabei? Oder womöchlich indizierte Compjuta- oder Vidjo-Spiele?

Natürlich nicht! Alles, was ich euch bringe, kommt mit christkindlichem Segen!

Na jut, denn wolln wa Ihnen det ma glooben und nich Ihren janzen Krempel filzen.

Darf ich jetzt mit meiner Arbeit beginnen und den wartenden Kindern die Geschenke bringen?

Arbeit? Moment! So einfach kommen Se mir nich davon. Ham Se denn überhaupt n Jewerbeschein?

Ho ho ho! Weihnachten ist das Fest der Liebe! Der Lohn für meine Mühen ist das Leuchten in den Augen der Kinder - und 364 Tage im Jahr, an denen ich mich in meiner kleinen Hütte am Nordpol ausruhen kann.

Nu erzähln Se ma keene Märchen! Ick bin seit 35 Jahren im Polizeidienst, und so eener wie Sie is mir noch nie unterjekommen!

Äh ... Kalle?

Ja!

Also, wenn det wirklich der Weihnachtsmann is, denn könnte det schon Hand und Fuß haben, wat der sacht.

Hab ihr det ooch uff der Polizeischule jelernt? Zu meiner Zeit ham wa da keine Märchenstunden abjehalten!

Ho ho ho. Es stimmt mich traurig, wenn ich höre, wie wenige Menschen noch an mich glauben. Gerade hier in deutschen Landen verkommt Weihnachten immer mehr zu einem Fest des Konsumrausches und der Völlerei ...

Moment! Det hätt ick ja fast verjessen! Ham Se nicht jrade jesacht, dit Ihr Wohnsitz am Nordpol is?

Davon har ick schon ma jehört, Kalle. Det stimmt.

Also, wenn Se Ausländer sind, brauchen Se aber ne Arbeitserlaubnis.

Kalle, ick gloob nich, dit der Weihnachtsmann im jesetzlichen Sinne ein Erwerbstätjer is.

Na jut, det können wa später klärn. Aber als Ausländer müssen Se wenichstens ne Aufenthaltsjenehmigung dabei ham. Und wenn Se Ihren Krempel von außerhalb der EU einjeführt haben, würd ick jern mal Ihre Zollbescheinijung sehen.

Kalle!

Wat jibt’s denn? Willste mir erzählen, dit der Nordpol ooch schon zur EU jehört? Würde mich nich wundern, inzwischen nehmen die ja jeden uff!

Ick finde, du übertreibst det’n bissjen, Kalle.

Na hör ma! Ick bin Polizeibeamta! Ick lass mir doch nich von irjendsom Weihnachtsmann uffe Schippe nehmen! Könnt ja jeda kommen!

Hörn Se ma, Meister ... sang Se doch einfach, dit Se mehr so vonner jrönländischen Seite vom Nordpol kommen.

Ja, Grönland ist gar nicht weit von meiner Hütte entfernt. Da gehe ich im Sommer gerne mal spazieren.

Siehste, Kalle, damit wär ooch dit jeklärt. Jrönland jehört zu Dänemark, und det ist janz klar inne EU.

Ah ... Na jut, jetz versteh ich wenichstens, warum det Ding uuf diese ... Dinger da fährt. Wejen dem ständjen Schnee und so ... Wie viel PS hatt’n det Jespann überhaupt?

PS is jut. RS würd ick sachen.

RS? Ach, du meenst, wejen der Rindviecher! Det seh ick ooch, dit dit keene Pferde sind. Sind dit nich Elche oder so wat?

Ich muss doch sehr bitten, meine Herren!

Wat war’n dit?

Ich bin ein Rentier, meine Herren. Und mein Name ist Rudolph!

Ick gloob mein Schwein pfeift! Det Rindvieh kann sprechen!

Ein Rentier, ein Rentier! Das leitende Rentier des christkindlichen Gespanns, um genau zu sein.

Ick gloob, ick krieg ne Klatsche! Und kiek ma, die Schnauze von dem Vieh!

Oh ja, meine Herren! Auf meine leuchtende rote Nase bin ich besonders stolz!

Äh ... iss det vielleicht so wat wie’n Fahrtrichtungsanzeijer?

Aber ja doch! Schauen Sie, ich kann nach links ... und nach rechts blinken ... und nach oben ... und nach unten ...

Kiek ma, Kalle. Damit hätten wa jetzt den ordnungsjemäßen Zustand der Blinkanlage festjestellt.

Ick gloob, ick steh im Wald!

Ho ho ho, ich habe meinen Terminplan schon erheblich überschritten. Wenn ihr mich noch weiter aufhaltet, muss ich euch leider eine Rüge erteilen.

Wat solln dit heißen? Von Ihnen lass ick mir doch nich drohen! Wenn hier jemand Verwarnungen erteilt, denn ...

Kalle, pass uff! Det iss keen Spaß, wenn der Weihnachtsmann böse uff dir iss! Komm, lass uns lieba zurückjehn. Mir wird det hier sowieso zu kalt.

 

Wieder knirschen Schritte im Schnee, und zwei Bullitüren werden zugeschlagen. Gebannt beobachten unsere pflichtbewussten Beamten, wie sich der Besitzer des Gespanns bereitmacht, die nächste Bescherungshaltestelle anzusteuern.

 

Ick gloob, ich spinne! Det Ding fährt ja gar nicht, det fliecht!

Stimmt, det har ick scho ma in irjendsom Film jesehen.

Det iss ja wohl die Höhe! Der Knilch hat uns die janze Zeit verarscht! Det iss überhaupt keen Straßenfahrzeug!

Nu beruhich dir ma, Kalle! Am Heilichaamt kann ma schon ma Fünfe jrade sein lassen.

***

Nee, det lass ick mir nich bieten! Schon jar nicht von irjendsom Weihnachtsmann! - Hallo, Zentrale! Ick brauch ma janz schnell ne Verbindung zum Flughafen Tejel. - Ja, im Luftraum üba Berlin juckelt so’n Knilch mit nem unbekannten fliejenden Objekt rum. Hat so wat wie’n Morjenmantel an und ne Schlafmütze uff. Iss mit so ne Art Kutsche unterwechs, mit nem rotnasjen Vieh vornewech. - Ey, wat jibt’s’n da zu lachen? - Und wat heißt hier Weihnachtsmärchen?

Ey, Kalle, hör doch ma uff! Kiek ma lieba da hinten!

Wat iss’n nu schon wieder?

Na, hier im Bulli!

Det iss ja wohl die Höhe! Da hat der Knilch einfach seinen janzen Krempel bei uns abjeladen!

Du, da iss’n Zettel dran. Da steht druff: „Zur Strafe für die Behinderung bei meinen Aufgaben beauftrage ich euch mit der Auslieferung der Geschenke an alle Bewohner dieser Straße. Ho ho ho. Der Weihnachtsmann. PS: Arbeitskleidung liegt bei.“

Wat soll’n dit bedeuten?

Mensch, biste wirklich so schwer von Begriff, Kalle? Komm, ick erklär dir jetzt ma, wie det mit Weihnachten jeht ...

 

Und so kam es, dass an diesem Heiligabend doch noch alle Berliner pünktlich die Bescherung erleben konnten. Und ein ganz bestimmter Polizeibeamter erinnerte sich nach 35 Jahren Dienst beim Anblick entzückt jubelnder Kinder plötzlich wieder an seine eigene Kindheit, sodass er sich in den Jahren darauf regelmäßig über die Feiertage frei nahm, um den Weihnachtsmann als ehrenamtlicher Freund und Helfer bei seiner Arbeit zu entlasten.

 

 

*** Alternatives Ende:

Nee, det lass ick mir nich bieten! Schon jar nicht von irngsom Weihnachtsmann! - Hallo, Zentrale! Ick brauch ma janz schnell ne Verbindung zum Flughafen Tejel. - Nee, zu de Fluglotsen im Tauer! - Ja, im Luftraum von Berlin juckelt so’n Knilch mit nem unidentifizierbarn fliejenden Objekt rum. Der Fahrer ... nee, der Kutscha ... oder ... eijentlich isser ja Pilot ... Jedenfalls iss der jefährlich. Der hat keene Zulassung dabei und von nix ne Ahnung. - Ja, klar, wir ham den doch jrade kontrolliert! - Ey, wat jibt’s’n da zu lachen? - Und wat heißt hier Weihnachtsmärchen? - Ick werd euch ma wat erzählen ...!

 

Und so kam es, dass ein pflichtbewusster Polizeibeamter während der Weihnachtsfeiertage nach 35 Jahren Dienst in den vorzeitigen Ruhestand gehen durfte. Seitdem lebt er in einem idyllischen Haus am Wannsee und unterhält die übrigen Insassen des Heims mit Geschichten von fahrenden und fliegenden Fuhrwerken, die mal von Hirschen, mal von Elchen oder von ordinären Rindviechern gezogen werden ...